Ich hatte gehofft, wir wären in Mannheim schon einen Schritt weiter

10922796_10153746955435961_3822098208416790392_nAls Kommunalpolitikerin beobachte ich in den vergangenenTagen sehr genau, wie die Mannheimer Stadtgesellschaft auf die Messerstecherei am Marktplatz und den Raubmord in der Mittelstraße reagiert.

Und ganz ehrlich? Ich bin teilweise schockiert.

Viele Reaktionen sind sachlich und basieren auf Fakten, suchen außer den mutmaßlichen Tätern erst einmal keine Schuldigen, sondern warten ab, bis die Vorgänge aufgeklärt sind.

Aber es gibt auch die anderen – diejenigen, die pauschale Schuldzuweisungen vornehmen oder zumindest andeuten, die Nationalität oder Herkunft der Täter könnte der entscheidende Grund für die Zunahme an schwerer Gewalt sein. Und dass Mannheims Offenheit und Vielfalt irgendwie ursächlich dafür sein könnte.

Dass die Täter größtenteils nicht aus Mannheim kamen und dass auch die Opfer „nichtdeutscher“ Herkunft waren, vergessen sie. Und dass sie einfach mal pauschal alle Mitbürger mit Migrationshintergrund als „Problem“ oder als potentielle Täter abstempeln und damit ebenfalls zu Opfern machen, nehmen sie in Kauf. Und einige machen das wohl auch ganz bewusst.

Nicht nur die blindwütige Ausländerfeindlichkeit in den anonymen sozialen Netzwerken macht mich betroffen. Vor allem die auch im persönlichen Gespräch immer wieder durchscheinende und objektiv gesehen eher irrationale Angst beunruhigt mich.

Wie kommt es, dass viele Menschen plötzlich meinen, Mannheim sei nicht sicher? Dass sich ihre Angst vor allem gegen Menschen mit Migrationshintergrund richtet – dass sie “xenophob” werden, Angst vor den aus ihrer Sicht irgendwie „Fremden“ bekommen?

Die meisten Gewaltverbrechen geschehen immer noch im persönlichen Umfeld und nicht auf offener Straße – unabhängig von sozialem Status oder der Herkunft der Beteiligten. Und dort wo wirklich Bandenkriminalität dahinter steckt, wie sie inzwischen auch mehrfach im öffentlichen Raum in Mannheim ausgetragen wurde, sind die Opfer in der Regel keine Unschuldigen, sondern selbst Beteiligte. Wovor fürchtet sich der durchschnittliche Bürger und warum?

Mir persönlich ist es ein Anliegen, der aktuell aufsteigenden Panik mit Ruhe und sachlichen Argumenten zu begegnen. Objektive Sicherheit und subjektives Sicherheitsempfinden klaffen deutlich auseinander – das ist offensichtlich für alle, die sich damit beschäftigen – und ja, ich würde mir wünschen, dass sich wirklich alle mit den Fakten beschäftigen, bevor sie sich äußern.

Beide Aspekte muss man sich anschauen und auf beides reagieren – auch das subjektive Empfinden der Menschen darf man nicht ignorieren. Aber ich persönlich habe auch im Zusammenhang mit dem subjektiven Sicherheitsempfinden null Toleranz für pauschale Vorverurteilungen und fremdenfeindliche Kommentare – egal ob in den Medien, bei Politikerkollegen, in den sozialen Netzwerken oder am Stammtisch.

Ich fürchte mich in diesen Tagen auch nicht mehr als früher vor Gewalt auf den Straßen von Mannheim. Aber ich nehme wahr, dass es vielen Bürgerinnen und Bürgern anders geht – übrigens auch denen mit Migrationshintergrund – oder vielleicht ihnen sogar noch mehr, erstens weil die Opfer allesamt Migranten waren und zweitens, weil sie zusätzlich auch noch von einem Teil ihrer Mitbürger unter Pauschalverdacht gestellt und damit irgendwie “bedroht” werden.

Zahlen über die objektive Sicherheit in Mannheim werden wir am heutigen Freitag erfahren – wenn Polizeipräsident Köber die polizeiliche Kriminalstatistik für Mannheim vorstellt.

In Bezug auf das subjektive Sicherheitsempfinden würde ich mir wünschen, dass Politiker, Medien und auch die vielen Bürgerinnen und Bürger, die sich zu Wort melden, ein wenig mehr reflektieren, welche Wirkung ihre Äußerungen haben.

Für mich gibt es in dieser Situation keinen Platz für pauschale, fremdenfeindliche Schuldzuweisungen. Man kann darüber sprechen, welche Nationalität und Herkunft die Täter hatten, ohne die Herkunft zur alleinigen Ursache für die Straftaten zu machen und daraus pauschal auf andere zu schließen.

Uns als Politiker, aber auch die Medien und sonstige gesellschaftliche Multiplikatoren muss das subjektive Sicherheitsempfinden  aller Bürgerinnen und Bürger interessieren, ob mit oder ohne Migrationshintergrund.

Und seien wir mal ehrlich: momentan äußern sich diejenigen am lautesten, die sich mit Blick auf die aktuellen Verbrechen am wenigsten Sorgen machen müssten. Uns geht die Sicherheit aller Bürgerinnen und Bürger an – und wir müssen uns für die Ängste aller interessieren. Es macht mich betroffen, dass ich das explizit betonen muss, weil es für mich selbstverständlich ist. Aber die zahlreichen hasserfüllten Kommentare insbesondere im Schutz der Anonymität der sozialen Netzwerke stimmen mich nachdenklich.

Schade, ich hatte gehofft, wir wären in Sachen Offenheit und Vielfalt in Mannheim schon einen deutlichen Schritt weiter.

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